Next Frontiers 2022

Progamm 2022

Das Metaverse: Gegenwelt mit Fallen

Dr. Michael Blume, Eva Wolfangel

Als der amerikanische Autor Neal Stephenson 1992 in seinem Roman „Snow“ Crash Begriff und Konzepte des Metaverse prägte, erschrak man leicht über das Allumfassende: alle Menschen verbrachten hier relevante Teile ihres Lebens in einer riesigen virtuellen Welt. Vom Metaverse war gerade in den vergangenen Jahren viel die Rede, überall wird an VR-Erfahrungen gearbeitet. Allumfassend aber wird das Next Big Thing des digitalen Zeitalters nicht werden.
Wie die aktuell vorangetriebene Aufspaltung von Internet und sozialen Medien in getrennte Filterblasen ahnen lässt, wird es mehrere Metaverse geben: für politische Machtblöcke, Ideologien, Religionen und Verschwörungstheorien – und Metaverse-Varianten konkurrierender kommerzieller Anbieter. Die meisten dieser VR-Kosmen werden so große Nutzerzahlen haben, dass sie drängende soziale, politische, psychologische, philosophische, ökologische und ökonomische Fragen aufwerfen – bezüglich Chancen und Risiken, Grundlagen und Kosten, Wirkungen und Entscheidungsstrukturen.
Die bisherige Entwicklung der digitalen Revolution zeigt zwei Konstanten. Zum einen die ständige Überrundung aller zeitlichen Vorhersagen durch Forschungs- und Marktentwicklung. Zum anderen die stete Unterschätzung der Wirkungen und Nebenwirkungen eines Phänomens bei hinreichender Gesellschaftsdurchdringung: aus der Utopie barrierefreier Wissensverbreitung und Teilhabeerweiterung im Netz wurde die Diskurse, Demokratien und Menschheitszukunft gefährdende Auflösung der gemeinsamen Faktenbasis im Meinungsstreit.
Was also wird das Metaverse bringen gegenüber dem bisherigen Internet, den sozialen Netzwerken und den Nischen virtueller Welten? Wie wird eine Durchmischung aus Arbeits- und Spielzonen, Fiktion und Infotainment, Fluchtzone und Daseinsmittelpunkt, Intimität und Unverbindlichkeit, Realitätsspiegel und 3-D-Fiktion, Fakt und Elektrofabel in der nächsten Ausbaustufe aussehen?
Was braucht man überhaupt für ein Metaverse, und wer wird welche VR-Kosmen anbieten? Wer wird kontrollieren, nach welchen Regeln, Vorstellungen und Werten die Metaverse gebaut, gelenkt, gewartet und weiterentwickelt werden? Welche Steigerung der Datenvernetzung ist im Metaverse noch möglich? Welche Funktionen müssen/können Avatare und Feedback-Leitungen bieten, um ein hinreichend sinnliches Erlebnis der virtuellen Welt zu bieten? Wann wird aus der Schwierigkeit, der VR genügend Fulminanz zu verpassen, die Schwierigkeit, zurückzufinden in die analoge, vermeintlich banale Realität?
Michael Blume, Jahrgang 1976, ist seit 2018 der Antisemitismusbeauftragte des Landes Baden-Württemberg. Der Politik- und Religionswissenschaftler ist aber auch profilierter Wissenschaftsblogger und liebend-kritischer Analytiker fantastischer Weltentwürfe. In seinem Eröffnungsvortrag „Überleben im Metaversum – Trainiert Fantastik unseren Sinn für Realität?“ geht er eine Kernfrage der Fiktionen, Cyberräume und auch der „Next Frontiers“ an: Arbeitet die Fantasie der Realität zu – und wenn ja, wie?
Die Wissenschaftsjournalistin und Kulturwissenschaftlerin Eva Wolfangel hat die Verheißungen und Drohungen eines Metaverse schon lange im Blick. Sie gleicht das Erhoffte und das Machbare, die Suggestionen und das Gemeinte, die Nutzanwendungen und Risikofaktoren ab.

Reiseerlebnisse zwischen dem Körperlichen und dem Virtuellen

Prof. Dr. Steffen P. Walz

Der ewige Traum von der Fortbewegung durch Gesellschaft, Raum und Zeit hinein in alternative Welten und die Sphären der Fantasie stachelt uns an. Wie können wir eine spezifische erwünschte Zukunft erreichen? Wie verändert sich dabei unser Erleben im Fahrzeuginnenraum? Was prägt wie die künftige Automobilität? In seinem Vortrag gibt Steffen P. Walz, Leiter der Abteilung Innovation & Kooperation, Intelligente Fahrerzelle & Karosserie bei Cariad, einen Ausblick auf die Fahrzeuge von Morgen.

Der E-Lorean: Zurück in die Zukunft der Mobilität

Armin Pohl

„Designtechnisch eine Ikone, leistungsmäßig ein Versager“ – kann man etwas Verheerenderes über einen Sportwagen sagen? Doch der Investor und Firmengründer Armin Pohl, der so über den 1981 und 1982 in knapp 9 000 Exemplaren produzierten DeLorean spricht, liebt dieses Fahrzeug. Nicht nur, weil es in den „Zurück in die Zukunft“-Filmen von Robert Zemeckis zur Zeitmaschine und zur Popkulturikone wurde – losgelöst von aller Praxistauglichkeit. Pohl sieht im DeLorean den Beweis, dass die Automobilbegeisterung nicht im klassischen Verbrennungsmotor ihre Vollendung gefunden hat. Der DeLorean war in seinen Augen schlicht zu früh dran: „Er hätte von vornherein als Elektroauto geboren werden sollen.“
Diesen Geburtsfehler hat Pohl nun ausgebessert und einen Oldie in die Zukunft geholt. Der E-Lorean getaufte, voll straßentaugliche Radikalumbau wurde mehr als das Spleenprojekt eines undogmatischen Sportwagensammlers. Pohl, der als Chef der Firma Mackevision die rasante Entwicklung der Bewegtbildbranche vom analogen zum digitalen Bild mitgemacht hat, sieht den ständigen Wandel als einzigen Garant des Bestehens. Nach Verkauf seiner Anteile an Mackevision hat er begonnen, sich als Startup-Investor zu betätigen. Zu diesem Zweck hat Armin Pohl die Wunderkind Invest GmbH gegründet mit dem Anspruch, im Private Equity Markt als modernes Erfolgsmodell zu gelten. Der E-Lorean dient als Vorstellbarkeitshelfer für das, was Pohl auf breiter Front anregen möchte: Neues Denken auch auf Basis des Bestehenden, die Annahme struktureller Herausforderungen, die Verknüpfung vorhandener und neuer Ressourcen.
Wie und warum aus dem DeLorean mittels eines „Fluxuskonverters“ eine Zeitmaschine werden konnte, hat der von Christopher Lloyd gespielte Doc Brown zwar auch in drei „Zurück in die Zukunft“-Filmen nicht nachvollziehbar erklärt. Armin Pohl aber gibt Einblick in die Entwicklung des E-Lorean und die Lernprozesse. Aus der Grundidee des Antriebstausches wurde das komplexe Projekt eines innovativen Fahrzeugs, das vom Batteriemanagement bis hin zur Gestensteuerung neue Lösungen brauchte.
Die E-Lorean-Idee brachte die Firma E-Works Mobility und Wunderkind Invest zusammen, die seither der Kapitalgeber für das Ismaninger Startup ist, das mit dem keineswegs bescheidenen Claim operiert: „Mobilität völlig neu entdecken“.

Zukunftsberufe

Dr. Karlheinz Steinmüller

Vor nunmehr fast zehn Jahren sagte ein Team von der Universität Oxford voraus, dass in den nächsten zwei, drei Dekaden etwa die Hälfte aller Tätigkeiten (und damit auch der entsprechenden Berufe) in der Folge von Digitalisierung, Automatisierung und Robotereinsatz verschwunden sein würde. Davon ist – trotz aller Umbrüche in der der Arbeitswelt – bislang nichts zu beobachten. Die Frage aber bleibt bestehen: Auf welche Berufe und welche Fähigkeiten (skills) sollten wir uns in Zukunft orientieren? Welche Rolle werden neue Technologien, etwa Künstliche Intelligenzen oder das Metaversum dabei spielen? Und wie wirkt sich der notwendige Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise auf die Arbeitswelt aus? In visionären Ausblicken gibt der Zukunftsforscher und Science-Fiction-Autor Karlheinz Steinmüller darauf Antworten.

Künstliche Individuen

Prof. Dr. Manfred Hild, Emma Braslavsky

Der Begriff IN-DIVIDUUM, also das Unteilbare, enthält das DIVIDUUM, das Teilbare. Deuten sich hier sowohl Grenzen als auch Entstehungsprozesse von Autonomie und Subjektivität an? Und was bedeutet dann autonomes Handeln für einen Menschen? Und was für eine Maschine bzw. einen Algorithmus? Ist das Subjekt nur ein neuzeitlicher Trugschluss oder gar eine kapitalistische Erfindung? Was bedeutet Einzigartigkeit? Und was bringt sie für die Gesellschaft? Woher wissen wir, ob das subjektive Gefühl des anderen Menschen auch das andere ist und nicht etwa das eigene, das sich nur beim anderen Menschen anders anfühlt oder nicht synchron zu unserem entwickelt? Und könnte ein autonom handelndes Individuum künstlich geschaffen werden? Und wenn ja, wie? Die Schriftstellerin Emma Braslavsky spricht darüber mit dem Mathematiker und Psychologen Manfred Hild, Leiter des Forschungslabors Neurorobotik der Berliner Hochschule für Technik.

Die postfossile Stadt: Neue Strukturen und Ideale

Dr. Wytske Versteeg, Fabian Scheidler

So sieht die Zukunft der Energieversorgung aus, wollten wir einmal denken: Solaranlagen auf jedem Dach. Und damit wäre angeblich auch der künftige Arbeitsplatzgarant einer Industriegesellschaft benannt gewesen: Entwicklung und Produktion immer besserer Solaranlagen. Ganz so einfach wird es nicht werden. Zwar muss noch immer um die Durchsetzung der Erkenntnis gekämpft werden, dass unsere derzeitigen Konsum-, Lebens- und Logistikmuster nicht zukunftsfähig sind, dass der Klimawandel real ist und die Kettung an fossile Brennstoffe multiproblematisch. Aber zukunftsfähige Konzepte können nicht für die Schublade entwickelt werden. Kursänderungen zwecks Erhalts einer für Menschen tauglichen Biosphäre müssen eingeleitet sein, bevor die Gesellschaft bis in die vorletzten Winkel von deren Unausweichlichkeit überzeugt ist.
Der komplexe Wohn-, Arbeits- und Kulturraum Stadt braucht neue Ideen so dringend wie die Umsetzung bereits fertiger Modelle. Die postfossile Stadt muss emissionsfrei und weniger energieintensiv sein. Das betrifft Arbeiten und Wohnen, Mobilität und Produktion, unsere Vorstellungen von Individualität und Gemeinschaft. Die Problemkreise von Flächenversiegelung und Begrünung, von Wärmespeicherung, Wärmeabgabe und Kühlung, von Recycling, Dienstleistungseffizienz und Güterdistribution hängen eng mit Wohnformen und Wohnidealen zusammen.
Wie sich eine postfossile Stadt organisiert, ist keine Frage ingenieurstechnischer Innovationen, die mit emissions- und energiebedarfsärmerer Technologie die Gestalt der jetzigen Stadt komplett erhalten können. Gestalt, Nutzung und Verständnis von Stadt werden sich anpassen müssen.
Die postfossile Stadt, folgert die niederländische Schriftstellerin und Politologin Wytske Versteeg, deren Essays zur gesellschaftlichen Lage in den großen Zeitungen der Niederlande viel Beachtung fanden und die bereits einmal bei den „Next Frontiers“ zu Gast war, müsse „mehr sein, nicht weniger“ als die bisherige Stadt. Diese Vision, die sich gegen die Angst vor massivem Komfort-, Options- und Leistungsrückbau auf breiter Front richtet, macht vielen Hoffnung. Aber ein Gesamtzuwachs an Angeboten kann trotzdem mit partieller Reduktion einhergehen – die dann als unfair empfunden wird.
Jedes Konzept der postfossilen Stadt muss also Kosten- und Lastenverteilung mitdenken. Dabei wird die Fortschreibung derzeitiger Entscheidungs- und Verwaltungsprozesse kaum genügen. Die zähe Projektdauer nebst resultierenden Kostensteigerungen heutiger Großprojekte würden, hochgerechnet auf eine umfassende Reform des Gebildes Stadt, zum Scheitern führen. Wie können die Interessen der einzelnen Bürger, der Industrie, des Handels, der Umwelt künftig verhandelt und gewahrt werden?
Über die widerstreitenden Aspekte der postfossilen Stadtentwicklung wird sich Wytske Versteeg in diesem Jahr mit Fabian Scheidler unterhalten. Scheidler, Jahrgang 1968, ist Autor, Dramaturg, Theater- und TV-Macher und Zukunftsdenker. Er hat unter anderem die Streitschriften „Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation“ (2015), „Wege zu einer zukunftsfähigen Ökonomie. Die Krise des Lebens auf der Erde und der große Umbau der Gesellschaft“ (2020) und „Der Stoff, aus dem wir sind: Warum wir Natur und Gesellschaft neu denken müssen“ (2021) veröffentlicht.