Next Frontiers 2022

Next Frontiers 2022: Was auf dem Programm war

Der Zufall habe ihn mit Begabungen ausgestattet, hat der spannende Autor und präzise Denker Stanislaw Lem einmal geschrieben, die „einen Grenzfall darstellen zwischen der der Kunst zugewandten und der wissenschaftlichen Laufbahn.“ Deshalb, so seine Selbsterklärung, habe er Science Fiction geschrieben. Was da in Lem passiert ist – der Dialog von Erfindung und Fakten, Fabulieren und Forschen -passiert auch draußen in der Welt. Fiktion und Realität stehen in einem ständigen Dialog. Bei den Next Frontiers haben wir auch 2022 versucht, interessante Gesprächssituationen herzustellen. Referenten und Publikum haben uns die schöne Rückmeldung gegeben, dass das wieder mal geklappt hat. Also planen wir bereits für die Next Frontiers 2023, mit demselben Ziel wie immer: einen kleinen Zukunftskongress zu gestalten, von dem man mit neuen Ideen und frischen Perspektiven zurückkommt. Und im Idealfall: ein wenig hoffnungsvoller. Bis wir Infos zum Kommenden geben können, hier noch mal der kleine Rückblick auf die Veranstaltung 2022:  

Keynote von Dr. Michael Blume

Fantasie und Realität, Fiktionen hie und die Arbeit von Forschern, Erfindern und Industriepraktiken befruchten einander fortwährend. Das ist der Prozess, den die Next Frontiers sowohl in den Blick rücken wie auch vorantreiben wollen. Zum Eröffnungstag haben wir dieses Jahr den Politik- und Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume eingeladen. Der ist im Hauptamt seit 2018 der Antisemitismusbeauftragte des Landes Baden-Württemberg, aber auch ein profilierter Wissenschaftsblogger und liebend-kritischer Analytiker fantastischer Weltentwürfe. In seiner fulminanten Keynote ging er das Befruchtungspotenzial von Fiktion und Realität von der dunklen Seite her an.    

Dr. Blume verwies darauf, dass in zentralen politischen Diskursen der Gegenwart Fiktionen – Verschwörungstheorien und Fake News nämlich – mächtig auf die Realität einwirken. Der Teilerfolg krudester Fiktionen im öffentlichen Diskurs darf in diesem Zusammenhang nicht nur erschrecken. Er ist auch ein Hinweis auf die Potenz von Fiktionen, und im fantastischen Bereich fördern die mehrheitlich positive Ideale, von Tolkiens Fantasywelt bis hin zur aufgeklärten Menschheitszukunft in „Star Trek“. Dr. Michael Blume ist es gelungen, die Teilnehmer und Referenten mit seinen Perspektiven und Gedanken sehr positiv zu überraschen. Der Konferenztag hat also genau mit jenem frischen Denkansatz begonnen, den man von solchen Kongressen mitzunehmen hofft.        

Das Projekt E-Lorean von Armin Pohl

Weltberühmt geworden ist der ab 1981 nur in kleinen Stückzahlen gefertigte DeLorean-Sportwagen  nicht durch sein von Kennern verehrtes innovatives Design. Zum breitenwirksam ikonischen Fahrzeug wurde der DMC-DeLorean durch die Filmtrilogie „Zurück in die Zukunft“, in der er als Zeitmaschine umherbraust. Dem daraus erwachsenen Popkulturruhm des Autos standen große technische Mängel gegenüber: der Wagen galt bei Automobilenthusiasten als schön verpackte Pflaume.

Gerade der Widerspruch von kultureller sowie ästhetischer Bedeutung hie und technischer Mangelhaftigkeit hat den Auto-Aficionado und Unternehmer Achim Pohl gereizt, den DeLorean zur Plattform eines Experiments zu machen. Pohl den alten Sportwagen zum E-Lorean modernisiert. 

Bei den Next Frontiers hat er geschildert, wie sich dieses Projekt mustergültig auswuchs. Um den Antrieb zu erneuern, musste unter der alten Hülle praktisch das gesamte Fahrzeug neu erfunden, verbessert und gebaut werden. In einer eindrucksvollen Bilderschau hat Pohl diesen Verwandlungsprozess geschildert – und dabei deutlich gemacht, dass hier Vergangenheit und Zukunft in produktiven Austausch traten.

Begleitend zu Pohls Präsentation des Projekts konnte man zwei Stockwerke höher im Haus der Architekten in einem fürs bloße Auge leeren Raum ein virtuelles Modell des DeLorean besichtigen und vertiefende Informationen abrufen. Die Firma Mapstar bot dort eine Demonstration ihrer Augmented-Reality-Software, die keine Brille erfordert. Nach Download der App konnten die Kongressbesucher die DeLorean-Präsentation mithilfe ihrer eigenen Smartphones oder iPads erkunden – was gut Möglichkeiten und Fortschrittsstand eines anderen Themenfelds der Next Frontiers 2023 illustrierte, dem im Westen vor allem von Mark Zuckerbergs Meta-Konzern vorangetriebenen Metaverse.

Prof. Dr. Steffen P. Walz

Irgendwann, da ist sich die Automobilindustrie sicher, werden Autos zuverlässig und sicher autonom fahren. Diese Mobilitätsvision verschärft eine Frage, die schon lange auf die Mitfahrenden im Auto zutrifft: was macht man eigentlich während langer Wegstrecken, wie nutzt man die Zeit, wie erlebt man den Raum, den man durchquert, wie wird die Bewegung von der bloßen Erwartung des Ankommens zum Erlebnis?  Prof. Dr. Steffen P. Walz hat Einblick in seine Arbeit bei der Volkswagentochter Cariad gegeben, in Visionen vom Fahrerlebnisse der nahen Zukunft. 

Das anhaltende dynamische Wachstum der Computerspielnutzung lässt für Walz keinen Zweifel daran zu, dass der fahrende Mensch ein spielender Mensch sein wird. Künftig aber kann nicht einfach die Fahrt ausgeblendet werden, um in ein Spiel – etwa auf einem  iPad – abzutauchen. Ob nun im Raum einer VR-Brille oder auf Monitoren im Fahrzeug, Strecke und Spiel können miteinander verknüpft werden, Techniken der Augmented Reality kann die durchquerte Außenwelt zum Erlebnisraum des Spiels machen. Was künftig natürlich auch ganz neue Varianten des Fahrens um des Fahrens willen vorstellbar macht.     

Dr. Karlheinz Steinmüller

Er fabuliere ja nur – diese Ausrede hat Karlheinz Steinmüller für sich als Science Fiction-Autor nie gelten lassen. Schließlich ist er auch Futurologe, will also belastbare Spekulationen über das Morgen und Übermorgen liefern, die Grundlage lenkenden, vorausschauenden Handelns sein könnten. In seinem Vortrag zum Wandel der Arbeitswelt hat er aber wieder anklingen lassen, was ihn schon lange auszeichnet:  eine Skepsis gegenüber allzu forschen, selbstgewissen, detaillierten Vorhersagen. Die Geschichte der Prognosen hat er immer auch als Geschichte der Fehlprognosen begriffen. 

Gerade die vielfachen Visionen, dass wir längst in einer Welt leben müssten, in der Menschen komplett von schweren, simplen, monotonen, gesundheitsschädigenden Arbeiten befreit sind, gingen an der Realität vorbei. Und in den Sektoren, in denen tatsächlich Roboter und Algorithmen Menschen ersetzen, bringt das auch soziale Probleme. Die Arbeitswelt von morgen wird eine noch viel stärker von Qualifikationszwängen, Wechselbereitschaft, konstanten Lernzyklen geprägte sein. Karlheinz Steinmüller scheint sich gar nicht so sicher zu sein, ob die Gesellschaft dafür fit genug ist. Ein massiver Ausbau des Bildungssystems, Betreuungs-, erziehungs- und Lernsysteme, die nicht ganze Schichten früh als nicht zielerreichungsfähig aufgeben: kann irgendetwas utopischer klingen?  

Prof. Dr. Manfred Hild, Emma Braslavsky

Roboter im Industriealltag kennen wir als verlässliche Maschinen, die stur einprogrammierte Bewegungsfolgen abarbeiten. Roboter in der Fiktion kennen wir als bis zur Heimtücke autonome Kunstwesen, deren Lernfähigkeit zu eigenständigen Entscheidungen, zur Abnabelung von den Menschen, oft zur Konfrontation mit den Menschen führen. Zu glauben, das eine sei belastbare Realität und das andere auf ewig substanzloses Hirngespinst, fällt einem angesichts der Forschungen von Professor Manfred Hild in seinem Labor für Neurorobotik am Institut für Informatik an der Humboldt-Universität zu Berlin nicht mehr ganz so leicht wie zuvor.

 Zwar stellt Hild im Gespräch mit der Schriftstellerin Emma Braslavsky sehr klar, dass seine Forschungen zur Lernfähigkeit von Maschinen ganz weit weg sind von dem, was Konzepte beseelter maschineller Intelligenz aus der Science Fiction in unsere Köpfe gepflanzt haben. Aber Hilds annähernd humanoider Roboter Myon ist keine Griff um Tritt durchprogrammierte Spieluhr. Myon wird im Labor und in der Interaktion mit Studenten und Forschern Situationen ausgesetzt, für deren Bewältigung er nur Rahmenrichtlinien, keine konkreten Handlungsanweisungen hat. Myon muss entscheiden, und aus den Konsequenzen der Entscheidung lernen. 

Dass er das tut, ist das eine. Dass, wie Hild geschildert hat, die eine Maschine im Lauf der Zeit andere Verhaltensweise – darf man da von Vorlieben sprechen? – entwickelt als eine andere, baugleiche, wirft Fragen auf. Manfred Hild wird hoffentlich mit dem Fortschreiten seiner Forschungen noch öfter bei den Next Frontiers zu Gast sein.     

Dr. Wytske Versteeg, Fabian Scheidler

Kein Zweifel ist möglich, will die Menschheit die Klimakrise überstehen, dann muss sich im Bereich der produzierenden Industrie global sehr vieles ändern. Doch geht es keinesfalls um einen Wandel, bei dem die einen in der Gesellschaft zuschauen, ob und wie die anderen sich bewegen. Letztlich muss sich alles ändern: Produktion und Konsum, Energiegewinnung und Infrastruktur. Gegen die schnell aufkommende Hoffnungslosigkeit angesichts der Größe der Aufgabe haben die niederländische Schriftstellerin und Politologin Dr. Wytske Versteeg sowie der deutsche Autor und Zukunftsdenker Fabian Scheidler optimistische Konzepte, beispielhafte Planungen und Best-Practice-Beispiele einer krisenbewussten Stadtplanung gesetzt.   

Jede hinreichend fortschrittliche Technologie, hat der britische Physiker und SF-Autor Arthur C. Clarke einmal lehrsatzhaft festgehalten, sei von Magie nicht zu unterscheiden. Was Versteeg und Scheidler an fortschrittlichem Städtebau und Krisenszenarien diskutieren, mag auf den ersten Blick eher an die schwebenden Comicvisionen des Comiczeichners François Schuiten als an die Betonklotznormen unseres Alltags erinnern. Aber dass etwas zur Krisenlösung beitragen kann, setzt  voraus, dass es von jetzigen Praktiken scharf abweicht. Oder, wie Arthur C. Clarke ebenfalls befunden hat:  „Der einzige Weg, die Grenzen des Möglichen zu finden, ist der, ein klein wenig über sie hinaus ins Unmögliche vorzustoßen.“

Eva Wolfangel

Wir virtuell wird unser Leben eigentlich noch? Die Buchautorin und Wissenschaftsjournalistin Eva Wolfangel geht dieser Frage schon lange mit der gebotenen Skepsis wie einer Portion Enthusiasmus nach und hat ihre Expertise zum wiederholten Mal bei den Next Frontiers eingebracht. Bei Mark Zuckerbergs Projekt des Metaverse sieht sie weniger eine unmittelbare reibungsfreie Umsetzbarkeit, aber doch altvertraute Gefahren. Wolfangel sieht eine neue Gewandung der oft angeprangerten Strategie von Big Data, den gläsernen, gut einschätzbaren und damit auch gut lenkbaren Menschen zu schaffen. Wolfangel ist selbst nicht nur distanziert recherchierende Nutzerin sozialen Netzwerke, sie hat von deren Möglichkeiten zur Begegnung und Vernetzung privat wie beruflich Gebrauch gemacht. Aber sie glaubt den altruistisch panierten Beteuerungen von Zuckerberg & Co. nicht, es ginge beim Metaverse – das eher eine Vielzahl filterblasenartiger Metaverses werden dürfte – um leichteren Zugang von vielen zu allem.  Und sie hat aus der älteren und jüngeren Geschichte gerade auch von Facebook hergeleitet, warum man äußerst wachsam sein sollte.

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